Verantwortung ohne Schuld

Vor zwei Monaten behandelte ich flache Hierarchien und wie Autorität in ihnen funktioniert. Auch in diesen Systemen werden Erfolge wie auch Fehlschläge verzeichnet. Oft stellt sich dabei die Frage: "Wer trägt dafür die Verantwortung?"
Die Konsequenzen landen ohnehin zunächst auf den Schultern des gesamten Teams, und daraus ergibt sich die Frage: "Wie gehen wir damit um?" Warum also fragen wir, wer die Verantwortung trägt?

Beobachtungen von Wildbeuter-Gesellschaften zeigen, dass die Frage nach der Verantwortung, insbesondere eines Einzelnen, zweitrangig ist oder erst gar nicht gestellt wird, denn der Umgang mit den Konsequenzen ist wichtiger, oft überlebenswichtig.
Wenn die Gruppe dort Konsequenzen für den Einzelnen vergibt, sind diese graduell, informell und situationsabhängig. Wenn ein Gruppenmitglied beispielsweise an mehreren schlechten Jagden beteiligt war, wird es in Zukunft nicht mehr mit dem Jagen betraut. Umgekehrt gilt auch, dass ein guter Jäger mehr Vertrauen in diesem Bereich entgegengebracht bekommt. Strafen oder Belohnungen für Einzelfälle und mit Auswirkung auf das ganze Leben anstatt spezifischer Tätigkeiten finden sich in dieser Form kaum.
Wo Strafen angewandt werden, ist bei Fehlverhalten, wie dem Brechen von Normen oder anderen Gefährdungen von Gruppe oder Mitgliedern.

Auch heute ahnden wir Fehlverhalten des Einzelnen, aber auch Erfolge und Misserfolge der Gruppe werden gerne einem Einzelnen zugerechnet. In Hierarchien ist das oft der Anführer der Gruppe; es ist in erster Linie der Projektleiter oder Abteilungschef, der die Verantwortung trägt. Die realen Konsequenzen landen trotzdem bei der Gruppe. Und auch wenn der Anführer die Entscheidungsgewalt hat, so trägt doch jedes Mitglied der Gruppe zu Erfolg oder Misserfolg bei, wenn auch nicht in gleichem Maße.
In seinem Buch "Just Culture" beschreibt Sidney Dekker drei Kategorien von Fehlern: ehrliche Versehen, bei denen das System einen Arbeiter in eine fehleranfällige Position gebracht hat, riskantes Verhalten, bei dem ein Arbeiter, oft aus systemischen Gründen, Gefahr unterschätzt, und fahrlässige sowie willentliche Regelverletzungen, bei denen ein Arbeiter wissentlich eine Grenze überschreitet.
Nur diese Grenzüberschreitungen sind dem Einzelnen direkt anzulasten, während bei den anderen Fehlerquellen vielmehr die Umstände zu überprüfen sind und die Konsequenzen behandelt werden.

Wenn nicht gerade das Fehlverhalten eines Einzelnen als Ursache zu nennen ist, ergibt es also nur begrenzt Sinn, einem Einzelnen Fehlschlag und damit auch Erfolg zuzurechnen. Etwas wie sinkende Verkaufszahlen, ein schlechter Produktlaunch oder auch ein Anstieg im Umsatz sagt oft mehr über die Organisation oder auch äußere Umstände, als über den Verkaufsleiter oder den Produktmanager aus.
Das heißt jedoch nicht, dass jeder den gleichen Anteil an Erfolg oder Misserfolg trägt. Im Extremfall kann es immer noch vorkommen, dass z.B. ein Mitglied des Vertriebsteams schlechte Arbeit macht und damit die Verkaufszahlen verringert, dass ein Arbeiter wissentlich hohe Risiken aufgrund von Zeitdruck eingeht, oder dass eine neue Produktversion aufgrund eines engagierten QA-Mitarbeiters deutlich fehlerärmer ist.

Warum also fragen wir, wer die Verantwortung trägt? Wenn es nur darum geht, Schuld zu verteilen, hält sich der tatsächliche Nutzen in Grenzen. Stattdessen sollten wir fragen, wie wir mit den Konsequenzen umgehen und was wir daraus lernen. Was hat zum Erfolg geführt? Was zum Misserfolg? Wenn wir nur darauf schauen, auf wen wir mit dem Finger zeigen können, übersehen wir, was wir lernen können.