Die Macht der Mehrheit
In meinem letzten Artikel schrieb ich über flache Hierarchien und ihre Machtstrukturen im Bezug auf eine Autoritätsperson. Bereits dort haben wir gesehen, dass Egalitarismus tief verwurzelt ist. Doch ein egalitäres Umfeld bedeutet noch lange nicht, dass Macht gleich verteilt ist.
Anthropologische Studien von Boehm und anderen Forschern zeigen, dass Wildbeuter-Gesellschaften oft eine sogenannte
umgekehrte Dominanzhierarchie anwenden. Das heißt, dass kein Individuum den Rest der Gruppe dominiert, sondern die
Gruppe jedes Individuum in sich.
Diese Hierarchien werden durch verschiedene Mechanismen aufrecht erhalten. So werden beispielsweise Gruppenmitglieder,
welche versuchen, Kontrolle über die Gruppe zu ergreifen, verspottet, geächtet, im Extremfall sogar verbannt oder
getötet.
Vorläufer derartiger Mechanismen sind sogar in einigen Primaten zu finden, insbesondere bei Schimpansen und Bonobos. Diese
Primaten, wie auch wir, haben eine Disposition zum Despotismus, der durch kollektive Dominanzunterdrückung gezügelt wird.
Dieser Despotismus ist dabei selbst ein Überlebensmechanismus. Problematisch wird es aber,
wenn dieser Mechanismus über das eigene Überleben hinausgeht. Daher haben sich diese Strukturen entwickelt, in denen die
despotischen Tendenzen des Individuums unterdrückt werden. Gleichzeitig darf jedes Mitglied der Gruppe diese Tendenzen zu genau
diesem Zweck der Unterdrückung einsetzen.
Insbesondere in Umgebungen, in denen Ressourcen rar waren oder sich schlecht lagern ließen, haben sich egalitäre Strukturen nachhaltig durchgesetzt. Ein einzelnes Gruppenmitglied mag zwar die Macht ergreifen können, kann sie aber nur schwer halten, denn der Machterhalt des Individuums setzt voraus, dass dieses Individuum Zugang zu wichtigen Ressourcen kontrolliert. Daher reden beispielsweise die Ju/'hoansi erjagte Beute klein und überlassen die Verteilung des Fleisches nicht dem Jäger. Lagerung ist allerdings der entscheidende Punkt, denn sie erlaubt, über die Zeit einen Überschuss an Ressourcen anzuhäufen. Ohne diesen Überschuss lässt sich die eigene Macht nicht nachhaltig festigen. Gleichzeitig erfordern rare Ressourcen, dass innerhalb der Gruppe geteilt wird, da sonst Gruppenmitglieder sterben oder sich einer anderen Gruppe anschließen, was die eigene Gruppe schädigt und sie schnell zerstören kann.
Die Mechanismen zur Dominanzunterdrückung führen allerdings weder zum Fehlen von Machtstrukturen, noch zu einer gleichen
Verteilung von Macht; die Macht liegt in solchen egalitären Systemen bei der Mehrheit. Was zwar zunächst gut klingt, kann
insbesondere für Außenstehende oder Gruppenmitglieder, welche nicht unbedingt mit der Gruppe konform gehen, gefährlich werden.
Eigentliche Ziele der Mechanismen sind Möchtegern-Alphas, Trittbrettfahrer, Prahlhälse und jeder, der so tat, als ob er besser
als die anderen sei.
Insbesondere die letzte Gruppe ist allerdings sehr vage definiert und kann neben Herrschsüchtigen auch
jene meinen, die einfach nur anders, non-konform oder unbeliebt sind; die Entscheidung darüber liegt bei der Mehrheit.
So können neben echten Problemfällen auch Neurodivergente, Neuankömmlinge und harmlose Individualisten ins Visier geraten.
Auch heutzutage nutzen wir diese Werkzeuge unserer Vorfahren noch, wenn auch nicht unbedingt zur Dominanzunterdrückung allein.
Zwar werden diese Mechanismen auch immer noch gegen Individuen in Machtpositionen genutzt, allerdings werden sie genauso
missbraucht, um die eigene Macht gegenüber Schwächeren zu stärken.
Jene, die mit spezifischen gesellschaftlichen Normen oder nur implizit kommunizierten Regeln nicht vertraut sind, insbesondere
Neuankömmlinge und Neurodivergente, sind dabei besonders anfällig. Dieses Muster ist bereits auf dem Schulhof zu sehen.
Heutzutage ist die Welt größer und Strukturen haben sich offiziell geändert, wir haben es allerdings nicht. Noch immer nutzen wir informelle Machtstrukturen auch, um uns gegenüber offiziellen Machthabern zu stärken, wenn diese ihrem inneren Despoten erliegen. Allerdings sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass diese Werkzeuge dazu da sind, nach oben gerichtet zu werden, nicht nach unten. Denn sonst schaffen diese Werkzeuge Despoten, statt sie zu bezwingen.