Was die Leber nicht sagt
Als ich 13 war, ist mein Onkel an Leberkrebs gestorben. Er hätte, wie 60% der Leberkrebstoten in Europa, nicht sterben müssen
[The Lancet]. Doch warum werden Fälle wie diese nicht verhindert?
Er wurde in den frühen Sechzigern geboren, und damit vor der Hepatitis-B-Impfung, welche seit 1982 existiert und seit 1995 von der
STIKO im Kindesalter empfohlen wird. Global ist Hepatitis-B einer der führenden Risikofaktoren für Leberkrebs. Dank der Impfung ist
dieser Risikofaktor in Deutschland weniger dominant. Zwar ist hier der Impfschutz für Menschen, die vor 1995 geboren wurden,
weniger verbreitet, doch eine Nachholimpfung ist nach Rücksprache mit dem Hausarzt in jedem Alter möglich.
Stattdessen stellt eine andere Hepatitis-Variante hierzulande das größte Risiko dar: Hepatitis-C.
Hepatitis-C erhöht durch Zellschäden und die Begünstigung der Tumorgenese das Risiko von hepatozellulären Karzinomen (HCC) um das
15- bis 20-fache. Bei einer etablierten Zirrhose verschärft sich die Lage drastisch; jährlich entwickeln bis zu 6% der Betroffenen
einen bösartigen Tumor.
Bis 2014 wurde Hepatitis-C primär mit Interferon behandelt. Für Patienten bedeutete das monatelange Therapie, oft mit schweren
Nebenwirkungen für 40-60% Chance auf Heilung. Oft wurde die Behandlung durch Patienten abgelehnt oder abgebrochen. Seit 2014 haben sich
direktwirkende antivirale Medikamente wie Sofosbuvir sowie Kombitherapien etabliert. Nach wenigen Monaten gelten 95% aller Fälle geheilt.
Doch es gibt zwei Probleme mit dieser Therapie: Zum einen macht die Heilung von Hepatitis-C keine Zirrhose rückgängig, womit
Zirrhosepatienten weiterhin einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind und sich regelmäßig testen müssen. Das betrifft vor allem Patienten,
welche Jahrzehnte lang mit Hepatitis-C infiziert waren. Bei Zirrhose und chronischer Hepatitis werden halbjährliche
Ultraschalluntersuchungen von Leitlinien empfohlen.
Zum anderen ist Hepatitis-C größtenteils asymptomatisch, auch nach Jahrzehnten. Schätzungsweise sind bis zu 80.000 Deutsche infiziert,
ohne es zu wissen.
Auch hier gibt es dennoch Hoffnung: seit 2021 haben gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren die Möglichkeit, sich einmalig bei ihrem
Hausarzt mit einem Bluttest auf Hepatitis-C und Hepatitis-B testen zu lassen. Diese Option ist noch immer nicht ausreichend bekannt,
sie kann allerdings vor Leberkrebs schützen. Denn anders als der Test warnt die Leber nicht vor Hepatitis-C, bevor es zu spät ist.
Zirrhose, ob durch Hepatitis-C oder Hepatitis-B verursacht, erhöht also das Risiko hepatozellulärer Karzinome stark. Neben viralen
Infekten kann jedoch auch der Lebenswandel das Zirrhose- und damit das Krebsrisiko erhöhen.
Deutschland gehört zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum in Europa. Schwerer Alkoholmissbrauch kann dabei zu
alkoholischer Hepatitis und damit zu Zirrhose und Krebs führen. Anders als bei Hepatitis gibt es aber keine Pille oder Impfung gegen
Alkoholabhängigkeit. Diese Genesung erfordert viel Kraft und lebenslangen Aufwand. Sowohl zum Überwinden als auch zur Prävention einer
Alkoholabhängigkeit gibt es von der BZgA das Portal Kenn Dein Limit.
Den in Westeuropa am schnellsten wachsenden Risikofaktor stellt MASLD (Metabolic dysfunction-Associated Steatotic Liver Disease) dar.
Das metabolische Syndrom, Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes können auch durch langfristig ungesunden Lebenswandel verschärft werden.
Dies kann zur Verfettung der Leber und damit zu Entzündung und Fibrose führen, was ebenfalls das Risiko für Zirrhose und damit Leberkrebs
erhöht.
Sowohl alkohol- als auch stoffwechselbedingte Leberschäden zeigen sich im Blutbild, bevor Symptome auftreten. Erhöhte ALT, AST und GGT
signalisieren eine gestresste Leber und lassen sich beim Hausarzt überprüfen.
Leberkrebs ist oft vermeidbar. Eine Nachholimpfung oder ein Hepatitis-Test sind einfache und einmalige Mittel. Ein halbjährlicher Ultraschall kann Gefahren frühzeitig erkennen, wenn das Risiko bereits hoch ist. Ein Blutbild kann Probleme aufzeigen, wenn sie noch einfach behandelbar sind. Und eine Alkoholabhängigkeit lässt sich überwinden. Wir haben die Möglichkeiten, uns und die Menschen um uns zu schützen, damit nicht noch ein Onkel vorzeitig stirbt.